Gespräch des Bischofs mit der Jugend:

Bischof Kempf

 

Es bedarf keiner sakralen Räume

Der Kelkheimer Jugendchor unter W. Biersack
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(Auszug aus dem verhinderten Buch "Das Hofheimer Mess-Festival")

Es bedarf keiner sakralen Räume

Junger Mann (?):

Ich glaube, das Wesentliche liegt in der Trennung von sakral und Alltagsleben. Man geht in die Kirche, um eine gewisse Schau zu erleben. Manche Leute maskieren sich noch, ziehen ihre Kinder schön an, ziehen Anzüge an, kämmen die Kinder, treten aus dem Alltagsleben heraus und fühlen sich in der Kirche erhoben. In der Kirche wird dann vorgetragen, was zu dem Alltagsleben keinen Bezug hat. Es ist etwas seltsam, in der Kirche von Brüderlichkeit zu reden, wenn die Leute sich im Leben übers Ohr hauen, und einer den anderen zu übervorteilen sucht. Es wird etwas getrennt: In der Kirche 'findet etwas statt, was zu dem Leben keine Beziehung hat. Die Jugend macht diese Trennung nicht mehr. Ich glaube, die Kirche muß sich entscheiden, ob sie dem Formalismus das Wort reden will, ob eben immer alles so ablaufen soll, vom Globalen abgetrennt, oder aber ob sie sich entschließen wird, die Sache lebendig und greifbar zu machen.

Uta W. (16):

Die Frage nach dem sakralen Raum stellt sich für mich so, daß es keinen sakralen Raum gibt. Warum soll der Raum heilig sein, etwa weil der Bischof diesen Raum geweiht hat, oder weil die Kommunion darin aufbewahrt wird? Für mich ist es so, daß Gott überall ist, nicht nur in der Kirche. Die Kirche selbst ist für mich ein reiner Versammlungsraum, in dem Christen die Eucharistie feiern, die auch woanders stattfinden könnte.

Brigitte H. (20):

Ich möchte zum sakralen Raum sagen, daß Menschen sich einen sakralen Raum schaffen, daß Gott aber keinen sakralen Raum braucht. Im Alten Testament hatte man so etwas wie einen sakralen Raum, zu dem nur der Priester Zutritt hatte. Das war nur einmal im Jahr. Man hatte sakrale Gegenstände, die niemand berühren durfte, Ich frage mich aber, ob es im Neuen Testament überhaupt noch einen Raum als sakralen Raum geben kann. Es gibt im Neuen Testament keinen abgegrenzten Bereich des Sakralen, wie es das Heiligtum des Alten Testaments war. "Heiliger Tempel" ist im Neuen Testament Christus selbst, das heißt hier in unserer Situation die in seinem Namen versammelte Gemeinde. Das bedeutet: wenn wir uns versammeln und Eucharistie feiern wie jetzt bei diesem Mess-Festival unter dem Aspekt des Festes - man kann Eucharistie auch feiern stärker unter dem Aspekt des Opfers, des Bundes, des Gedächtnismahles usw. dann halte ich die Frage, ob man unter dein Kreuz hätte rauchen können, für falsch gestellt. Man kann das in verschiedener Weise feiern und verwirklichen. Außerdem zur Ausgrenzung: Die Ausgrenzung ist da, wo sich eine Gemeinschaft versammelt, um etwas zu feiern oder etwas zu tun. Das ist eine Ausgrenzung aus dem Profanen oder Alltäglichen.

Thomas A. (24):

Ich möchte das Ganze einmal nicht unter dem Aspekt des Inhaltlichen, sondern unter einem anderen Aspekt betrachten. Wenn dieses Mess-Festival, so wie es ursprünglich konzipiert war, hätte stattfinden können, nämlich im Freien auf einer großen Wiese, dann hätte sich kein Mensch daran gestört, daß geraucht wurde. Es hätte sich auch anschließend kein Mensch aufgeregt, wie sie sich gelagert, oder in welcher Form sie auch immer teilgenommen hätten. Es hätte sich vielleicht auch niemand daran gestört, daß am Schluß getanzt wurde.

Die Tatsache, daß dieses Mess-Festival aufgrund besonderer Umstände in der Kirche stattfand, hat dazu geführt, daß man sich einem leidigen Organisationsproblern gegenüber sah. Soweit ich das beurteilen kann, ist keine Versammlung möglich, die einen Rahmen von fünfzig oder noch mehr Menschen überspannt, die sich über längere Zeit zwei oder drei Stunden als Gemeinschaft fühlt, wo nicht geraucht wird. Das ist ein Erfahrungshorizont den man einfach berücksichtigen muß. Man sieht das schon daran, daß am Ende eines Sonntagsgottesdienstes die Leute - mag es eine halbe oder Dreiviertelstunde gedauert haben - hinausgehen und sich eine Zigarette anzünden. Die Konsequenz ist: wenn das bei unserem Mess-Festival auch so hätte stattfinden sollen, hätten die Leute nach einer Stunde gehen müssen.

Junger Mann

Ich möchte die Frage stellen, ob Leute, die in der Kirche einen streng sakralen Raum sehen, wenn sie in den Gottesdienst gehen, nicht irgendwie auf der Flucht vor der Gesellschaft sind hinein in einen Raum, in dem sie endlich für sich sind: "So, hier bin ich nun, und jetzt kann ich mich endlich einmal konzentrieren." Ich halte das nicht für richtig. Ich glaube unbedingt, daß man in der Kirche sich mit anderen unterhalten und diskutieren muß.

Norbert H. (22),

Wir haben bestimmt Verständnis für sakrale Räume und sakrale Bereiche der älteren Generation. Ich glaube aber nicht, daß man von uns erwarten kann, daß wir uns in die Zwangsjacke dieses Verständnisses pressen lassen. Es kommt auf unsere Form des Mitfeierns an, auf unser Erleben der Feier. Das ist bei dieser Zwangsjacke einfach nicht drin. Für meine Person muß ich sagen, daß mir die derzeit praktizierte Form der Messe nichts geben kann, weil das ein peinlich getrenntes und begrenztes Zusammenkommen und Wiederauseinanderlaufen ist. Deshalb besuche ich die derzeitigen Gottesdienste nicht.

Angela M. (24), Vorbereitungsteam;

Zum sakralen Raum! Ehrfurcht liegt für uns nicht so 'sehr eigentlich in der Furcht, denn ich glaube, daß dieser Aspekt hier -zu sehr, betont worden ist. Wir haben keine Angst, uns im sakralen Raum so zu geben, wie wir sind. Unsere Ehrfurcht liegt mehr in der Ehrlichkeit, durch die wir uns in der Kirche bzw. im Angesicht Gottes so geben, wie wir wirklich sind. Wenn wir feiern, wenn wir Gottesdienst feiern, dann wollen wir es so tun, wie wir es von unseren normalen Feiern gewohnt sind.

Dann der heilige Raum! Ich glaube auch, daß Gott keinen heiligen Raum braucht, sondern daß es die Menschen sind, die den heiligen Bezirk brauchen. Aber was sollen wir mit einem heiligen Bezirk anfangen, der uns nichts sagt, weil wir uns dort nicht so benehmen können, wie wir sind?

Ich glaube, daß die Zigarette kein Zeichen der Gleichgültigkeit ist. Ich kann sehr viele Motive haben, mir eine anzuzünden. Es kann Aufregung sein, ich kann mich intensiv unterhalten, vielleicht auch besser konzentrieren.

Guido St. (24):

Ich wollte eben nur das bekräftigen, was gesagt wurde. Ich glaube, im Holländischen Katechismus heißt es, daß "Heiligkeit" sich ausdrückt in einer heiligen Gemeinschaft, und daß Heiligkeit sich nicht ausdrückt in Äußerlichkeiten, sondern in der Gesinnung.

Walter Sch. (18):

Ich gehe deswegen nicht in die Kirche, weil mir der Rahmen, nach dem ich mich da still hinsetzen muß und nichts sagen kann, nichts bedeutet. Ich würde von den sakralen Räumen ganz abgehen und *sie wegfallen lassen. Wenn es einen anderen Rahmen gäbe, würde ich da viel eher in die Kirche gehen, als in einem alten Rahmen.

Junger Mann (?):

Ich glaube, daß man Gott. als Mensch feiern Sollte, als freier Mensch und nicht als Marionette in dem Sinn, in der Kirche nicht rauchen, sich nicht unterhalten und sich nicht bewegen zu dürfen. Man sollte sich in der Kirche so verhalten, wie man sich überall verhält, dann ist doch wenigstens eine Freiheit da, in der man sich viel besser in die Diskussion oder in die Predigt einfühlen kann.

Eberhard W. (16):

Wie stellt man sich eine Gemeinschaft in der Kirche vor, die doch vorhanden sein soll, wenn die Gläubigen durch geprägte Traditions- und Moralbegriffe sich nicht so benehmen dürfen, wie sie sind? Sie müssen also praktisch etwas vorheucheln!

Thomas Z. (19):

Ich war bei der Wandlung in der Nähe des Altars und beobachtete, wie sich die Teilnehmer des Mess-Festivals bei der Wandlung verhielten. Diese gewisse Unruhe, die vorher war, und die ich nicht als negativ bezeichne, hatte sich in diesem .Augenblick wirklich gelegt. Ich konnte kaum Leute entdecken, die noch rauchten.

Armin K. (22):

Ich wollte meine Meinung dazu zum Ausdruck bringen, daß es ein allgemein-menschliches Bedürfnis sei, geheiligte Räume zu besitzen. Natürlich gebe ich zu, daß, wenn die ältere Generation diese Formen braucht, sie auch noch beibehalten werden sollen. Man muß aber nach Lösungen suchen. Allerdings bin ich der Meinung, daß wir diese geheiligten Räume nicht unbedingt brauchen.

Ich möchte das an einem Beispiel erläutern, das nicht im christlichen Bereich liegt. Es geht dabei um die Person des griechischen Philosophen Sokrates. Vielleicht ist vielen die Szene bekannt, wie Sokrates als "Jugendverderber" - weil er sich um Dinge wie Jugendarbeit" gekümmert hat - ins Gefängnis kam. Er hatte den Schierlingsbecher zu trinken. In den. paar Stunden vorher konnte er sich aber noch mit seinen Freunden unterhalten und Gespräche führen über den Sinn des Lebens und das Fortleben nach dem Tode. Ich bin sehr wohl der Meinung, daß dieses Gespräch für die Teilnehmer entscheidend war; entscheidend deswegen, weil jeder die Notwendigkeit der Identifikation mit seiner persönlichen* Aufgabe gefühlt und auch geleistet hat, und die Frage nach dem Sinn des Lebens beantwortet werden konnte. Deswegen brauchen wir für unsere Versammlungen Räume, in denen für uns das Handikap des geheiligten Raumes nicht mehr da ist.

Gerhard C. (17):

Ich möchte noch einmal auf die Forderung zurückkommen, daß das Verhalten in geheiligten Räumen anders sein soll als im normalen Alltag. Ich sehe darin eine gewisse Gefahr, die sich nachher im Extrem zeigt. Wir erhalten nämlich dadurch einen Sonntagschristen, der lediglich in der Kirche durch sein besonderes Verhalten zeigt, daß er Christ ist. Sobald er aber die Kirche, d. h. den heiligen Raum, verläßt, nimmt er die Gedanken einfach nicht mehr mit. Es kommt aber darauf an, daß der Christ im Alltag als Christ handelt, etwa im sozialen Bereich. Ich habe jedenfalls Angst vor dieser Abgrenzung, die vorgenommen werden soll.

Katharina

In Ihrer Rede, Herr Bischof, haben Sie Ihre Position zum sakralen Bereich als allgemein verbindlich hingestellt. Sie haben auch vorhin von Prinzipien gesprochen, nach denen wir in der Frage des Sakralen zu einer Gemeinsamkeit finden müßten. Das haben Sie allerdings als eine Gemeinsamkeit Ihrer Konzeption hingestellt. Ich verstehe nicht ganz, wie Sie Ihre Konzeption so als absolut hinstellen können. Dahinter steht doch die Auffassung der Erwachsenen! Ich glaube aber, daß diese der. Auffassung der Jugend nicht entspricht. Ich bin nicht dagegen, wenn jemand eine solche Auffassung vom sakralen Raum hat. Aber ich kann diese, dieses Mysterienspiel da vorne nicht. verstehen. Ich habe ganz einfach keine Auffassung vorn sakralen Raum.

Astrid C. (19):

Jetzt sollen die Jugendlichen wieder recht einseitig den Erwachsenen und ihren Vorstellungen entgegenkommen und ihre Entwicklungsschritte, die wir wahrscheinlich machen konnten, wieder wie üblich unterdrückt werden, indem wir weiter in die Kirche, in den sakralen Raum laufen, wo hingegen viele Jugendliche auch in anderen Gebäuden die innere Ehrfurcht aufbringen können. Von den Erwachsenen wird die innere Ehrfurcht von der Ehrfurcht im heiligen Raum unterschieden. Das lehne ich vollkommen ab.

Michael W. (18):

Wenn es selbstverständlich" ist, daß Gott keinen Sakralraum braucht, dann frage ich mich, ob wir überhaupt noch den Gottesdienst in der hergebrachten Form brauchen, ob nicht: die Menschen vielmehr Gott brauchen, und ob wir damit nicht den Gottesdienst in irgendeiner Form umfunktionieren müssen über Gott zum Dienst am Menschen. Das schiene mir dann der folgerichtige Schritt zu sein, auch für die Forderung, daß wir keinen sakralen Raum mehr brauchen.

Maria H. (17):

Ich möchte auf etwas zurückkommen, was Sie, Herr Bischof, vorhin angesprochen haben, daß nämlich die Menschheit seit sechstausend Jahren sakrale Räume hat. Allerdings ist es doch so, daß wir heute ohne den sakralen Raum auskommen. Warum sollen wir dann die Tradition weiter erhalten? Wir gestehen den Erwachsenen ihren sakralen Raum zu, bitte, aber dann müssen sie auch uns unsere Form des Gottesdienstes zugestehen. Es ist auch so, daß in der Kirche seit ein paar Jahrhunderten Fehler gemacht wurden. Sollen wir sie nur deshalb weiterführen, weil sie eben gemacht wurden? Tradition!? Ich glaube, daß es in der Frage des sakralen Raumes für junge und alte Leute sehr wichtig ist, Toleranz zu üben. Wir gestehen den Alten den sakralen Raum mit Weihwasserkessel und Weihrauch zu, aber die sollen uns dann auch zugestehen, daß wir einen Gottesdienst feiern, in dem wir z. B. rauchen und uns hinsetzen dürfen, wie es uns Spaß macht.

Junger Mann (?):

Die Menschheit hat sich in der letzten Zeit schneller verändert als in den Jahrhunderten und Jahrtausenden zuvor. Daran, daß die Jugend mit dem sakralen Raum der früheren Generation nichts mehr anzufangen weiß, zeigt sich eine der Veränderungen. Trotzdem kommt die Meinung auf, daß die Jugend den sakralen Raum der. Erwachsenen akzeptieren und sich anpassen soll. Sie tut das, indem sie in den Gottesdienst geht. Aber sie kann auch von den Erwachsenen erwarten, daß die Jugend, wenn sie unter sich ist, sich ihren eigenen sakralen Raum aufbaut, einen Raum, der ihr etwas sagt, und nicht den Raum der älteren Generation, der ihr nichts mehr besagt. Die Jugend sieht ein, daß sie vieles verkehrt macht, aber sie will auch, daß die Erwachsenen nicht gleich von vorneherein sagen, dieser Raum ist falsch.